Ralf Brög
MUSIC
4. SEPTEMBER - 24. OKTOBER 2009
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ERÖFFNUNG FREITAG 4. SEPTEMBER 18-22H

Unter dem englischsprachigen Titel "Music" versammelt die Petra Rinck Galerie, Düsseldorf in der Zeit vom 4. September bis zum 24. Oktober 2009 aktuelle künstlerische Arbeiten von Ralf Brög (*1967 in Stuttgart), Arbeiten die ganz unterschiedlichen bildnerischen Gattungen angehören. Fotografien, Skulpturen, Grafiken und eine großformatige Wandmalerei umkreisen das an sich nicht sichtbare und im Rahmen der Ausstellung auch nicht unmittelbar hörbare kulturelle Phänomen der Musik, zum Teil als raumbezogene Inszenierung. Deren Fokus bildet eine Wandmalerei, die als ideale Metapher für die Abwesenheit der Musik an sich im Rahmen der Ausstellung dienen kann. Die Wandarbeit (ohne Titel, 2009) besteht aus vertikalen und horizontalen Streifen in Schwarz und abgestuften Grautönen, die auf dem Grundmodul eines Quadrats basierend unregelmäßig gegeneinander versetzt sind und auf schallschluckende Wände in Tonstudios und Laboratorien Bezug nimmt. Wo dort Kegel und Keile den Ton streuen und schlucken, reflektiert und absorbiert hier die Farbe das in den Ausstellungsraum einströmende Licht, ein Effekt der noch dadurch illustrativ verstärkt wird, dass von links nach rechts der hellste der drei Balken stufenweise durch die Beimischung schwarzer Pigmente abgedunkelt wird.

Tonlos und still bleiben auch die beiden als Lautsprecher identifizierbaren Boxen (MB-Speaker, 2009), deren Funktion durch die beiden jeweils eingelassenen Membrane auf der Vorderseite und den Anschlüssen für Kabel auf der Rückseite sichtbar wird. Einmal mit blauem und einmal mit rotem Metallic-Lack farbig gefasst, wie er für Automobile und Motorräder Verwendung findet, stehen sie als Paar für die Stereotechnologie, die seit den späten 1950er Jahren die Wahrnehmung technisch ausgestrahlter und aufgezeichneter Musik veränderte und nun ein räumliches Hören ermöglichte. Tatsächlich ist diese Ausdehnung im Raum eine der Gemeinsamkeiten der Musik mit Werken der bildenden Kunst. Hinzu tritt eine eher abstrakte Parallele, die insbesondere in der spezifischen Differenzierung innerhalb der deutschen Sprache nachvollzogen werden kann. Während auf dem Gebiet der materiellen Gestaltung zwischen angewandter und freier Kunst unterschieden wird - die Lautsprecher können hier auf Grund ihrer Funktion als der angewandten Kunst nahe stehend betrachtet werden - verteilt sich auch die musikalische Gestaltung auf zwei Gebiete, der U-Musik und der E-Musik, wobei das "U" bekanntermaßen für "Unterhaltung" und das "E" für "Ernst" steht. Auch wenn die Boxen im Kontext ihres künstlerischen Gebrauchs als Kunstwerke angesehen werden dürfen, repräsentieren sie doch auch eine nicht verleugnete Nähe zu Designobjekten. Im Übrigen verweist ihre geometrische Gestaltung auf den ureigenen Zusammenhang von Musik und Mathematik, insbesondere den Proportionsregeln der Harmonik, wie sie von den Pythagoräern schon während der Antike erforscht und beschrieben worden sind. Harmonischer Klang und geometrische Körper regelmäßiger Gestalt konnten und können in unterschiedlichem Maße als Motive der Kontemplation begriffen werden, die nicht zuletzt auch in der Architektur-, der Bildhauerei- und der Malereigeschichte gestaltet oder thematisiert wurden.

Ähnlich der ambivalenten kategorialen Zuordnung der Skulpturen/Lautsprecher stellen die großformatigen Bilder die Betrachter vor die Schwierigkeit der Identifikation des Mediums. Tatsächlich handelt es sich bei den im Format deutlich vergrößerten Schallplatten um Fotografien, die allerdings durch das gewählte technische Verfahren der Reproduktion vollkommen ihrer räumlichen Dimension beraubt wurden. Allerdings sind die Rillen, also die von der Nadel des Plattenspielers zum Klingen gebrachten Vertiefungen innerhalb der im Regelfall schwarzen Vinyl- oder Schellack-Platte auf besondere Weise sichtbar gemacht. Ohne eine Note dieser Aufnahmen zu hören, die in einem im Verschwinden begriffenen Massenmedium gespeichert sind, ermöglicht ihr analoger Charakter, in der Bewegungen der Musik mit Bewegungen der Rillen korrespondieren, zum Teil die Deutung musikalischer Strukturen. Die 180 x 180 cm große Fotografie "Forgive your friends", zeigt eine Schallplatte, auf der offensichtlich nur ein Stück zu finden ist, dessen Charakter von äußerster Gleichmäßigkeit bestimmt sein muss, da sich die Bewegungsverläufe der Rillen in ihren Schwingungen regelmäßig wiederholen. Ein Effekt ist hierbei auch der, dass bestimmte musikalische Strukturen über die Fläche der gesamten Platte zu spiralförmigen Verläufen führt und somit zu einer Form, der Spirale, die seit frühesten Formen menschlicher Gestaltung mit Bewegung assoziiert wird, wo also bildnerisch-grafische Form ein zeitliches Moment vermittelt, wie sie sonst nur den ausgesprochenen Zeitkünsten, wie der Musik zu eigen ist. Man hört bei diesem Bild also nichts und doch lässt sich leicht ein Rhythmus assoziieren, dessen mutmaßliche Regelmäßigkeit auch dort zu finden ist, wo in spezifischen Kulturen spirituelle Formen der Trance Teil einer Welterfahrung sind. Während diese Form der Trance in der Techno-Musik und der sie zelebrierenden Events der letzten zwanzig Jahre eine Aktualisierung erfahren hat, aktualisiert die von Ralf Brög gewählte Bildform, insbesondere der Zentrierung eines kreisrunden Objekts auf quadratischen Grund - weniger explizit als beiläufig - archaische, wenn nicht sogar archetypische Bildformen, wie sie etwa in den Mandalas des Hinduismus und Buddhismus für meditative Zwecke Verwendung finden.

Entsprechend komplexer fallen natürlich die Reproduktionen ganzer Alben aus, die hier an Hand zweier reproduzierter Schallplatten betrachtet werden können "Purple Rain" und "Music", in beiden Fällen bekannte Aufnahmen der Pop-Musik, die auf Grund ihrer Bekanntheit die Möglichkeit wahrscheinlich machen, dass die Betrachter der Bilder sogar in ihrem Gedächtnis die konkrete Musik erinnern und hinzudenken.

Formal ähnlich komponiert und strukturell ebenso minimalistisch begleiten Farbradierungen die beschriebenen Werke, in der Bildmitte zentrierte Formationen, die aus je einem einzelnen Haar abgeleitet sind, dass nachgezeichnet und dann vielfach reproduziert wurde. Entsprechend der einen Linie der Schallplatte, in deren Verlauf die Nadel und der Verstärker die vielfältigsten, aber auch einfältigsten Klänge reproduzieren kann, bildet das eine quasi geklonte Haar mal ein "Pentagon", ein Fünfeck, mal eine "Membran", eine kreisförmige Entsprechung der ebenso bezeichneten Elemente der Lautsprecher. Die Struktur ihrer Muster hat auch ein Gegenstück in der Akustik: bringt man eine horizontal im Raum befindliche Metallfläche zum Schwingen, auf der vorher feiner Sand verteilt wurde, so verteilt sich der Sand je nach Schwingung in regelmäßiger Weise und bildet immer wieder neue Muster auf der Oberfläche, übertragen auf die Geflechte der Haare: Klanggewebe.

 

Wo die Bilder an sich im Gegensatz zur Musik den Vorteil der Permanenz haben - ist die Musik doch immer nur präsent zur Zeit ihrer Aufführung und nie in einem Moment überschaubar - deutet, fast als Kommentar zu den von Ralf Brög gewählten Bildmedien, eine letzte Grafik auch die Vergänglichkeit des Sichtbaren an. Die Grafik "Isolation-JBSC" zeigt unter Verwendung eines in der Reproduktion bearbeiteten Bildes aus dem 18. Jahrhundert einen jungen Mann, der eine Seifenblase bläst. Vergänglich ist dabei erstmal nur die Seifenblase und nicht das Bild, wenn auch am Ende der Zeiten auch dieses zu Grunde gehen muss. Während die Gestalt der Seifenblase mit dem Kreis ein Leitmotiv der Ausstellung anzustimmen scheint, erinnert sie auch an den bedeutenden Diskurs über die Grenzen und Möglichkeiten der verschiedenen Künste, denen Gotthold Ephraim Lessing seine bedeutende Schrift "Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie" gewidmet hat, eben zu jener Zeit, als auch das Vor-Bild dieser Grafik durch die Hand des Malers Chardin entstand. Und nicht nur zu einer solchen Reflektion über medialen Möglichkeiten und Grenzen bieten die in der Ausstellung versammelten Arbeiten von Ralf Brög Gelegenheit und Anlass. Dass bei aller Klarheit der Form gedankliche Spielräume bleiben erscheint als essenzielle Qualität.

Thomas W. Kuhn



PRESSETEXT PDF





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exhibition view 1
PURPLE RAIN, C-PRINT 180 X 180 CM
MB-SPEAKER, HOLZ, LACK, LAUTSPRECHER, 38 x 38 x 24 cm



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exhibition view 2
.... Wandmalerei, Acrylfarbe, Größe variabel



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exhibition view 3
FORGIVE YOUR FRIENDS, C-PRINT, 180 X 180 CM
KOMIKON, C-PRINT, 100 X 100 CM



exhibition-ralf-broeg-04

exhibition view 4
DETAIL





RALF BRÖG / SELECTED WORKS


All Images © The Artists / Photos Achim Kukulies